Joe allein unterwegs: AbSegeln im Ijsselmeer 2025

Was wie?

Der liebe Joe hat sich mal an eine neue Erfahrung gewagt: das Segeln auf einer Yacht.
Da das Lesen von Ausschreibungen, Einladungen und Websites etwas für Warmduscher ist, hatte der liebe Joe auch keine Ahnung, zu was er sich da hat breitschlagen lassen.
Aber das hält ihn ja nicht ab, direkt mit dem Kopf voran zu gehen und alles zu buchen was geht.

Dagos Mitsegelzentrale

Nach einem Kennenlernen der Skipperin & Crew bei einem netten Abendessen, wurde klar: das wird lustig.
Ein Haufen Chaoten, mit mal mehr, mal weniger Bootserfahrung. Es wurden Essen geplant, Packlisten besprochen und der grobe Rahmen abgesteckt.

Veranstalter ist Dagos Mitsegelzentrale, die dieses Event schon seit Jahrzenten anbieten. Immer in der letzten Oktoberwoche, kurz vor Saisonende, treffen sich Segelbegeisterte in Lemmer bei Enjoy Sailing um die letzten Tage der Saison ausklingen zu lassen.

Für die weniger Segelerfahrenen bietet Dago vor dem eigentlichen Absegeln ein Skippertraining an, dass er und Gerd betreuen. Hier werden Anlegen und Ablegen im Hafen und Schleusen, das Werfen von Leinen, und Grundlagen des Segelns besprochen und praktisch geübt.

Unsere Crew war fast vollständig zum Skippertraining angetreten, so dass unser Abenteuer damit anfängt.

Skippertraining

Unser guter Joe hat zwar einen Bootsführerschein, aber nur für die kleinen Nussschalen mit Motor. Beim Absegeln reden wir aber von 14 m Segelyachten und das ist etwas Anderes als so ein Angelkahn.

Das Skippertraining ging von Samstag, 25.10. bis Dienstag, 28.10. und schon die Ankunft am Freitag davor verhieß nichts Gutes: Regen aus Eimern.

Also die Kleidung und Ausrüstung schnell ins Boot und Kajüte bezogen. Nach dem Einrichten der Doppelkajüte, die Joe sich mit seinem Studienkollegen Niklas teilte, ging es auf die Akinom, Dagos Schiff zum Abendessen und Kennenlernen.

Jeder hatte eine lokale Spezialität mitgebracht und so ergab sich ein buntes Abendessen und danach ging es ins Bett.

Am nächsten Morgen ging es früh los und mit der Kika, unserem Boot, den Kanal von Lemmer entlang zum „ersten Anleger“ , dessen Steg uns die nächsten Tage als Übungsraum dienen durfte. Wir hatten Gerd als erfahrenen Seebären und Trainer an Bord, der uns instruierte und die verschiedenen Positionen auf dem Schiff nahebrachte.

Während des Skippertrainings mussten alle Teilnehmer alle Positionen besetzen, damit es beim Absegeln keine Diskussion und Fragen gibt:

Rudergänger: die Person am Steuerrad. Der Rudergänger gibt den Ton an und koordiniert die Crew während der Manöver.

Leinenführer: Achtern (hinten), an der Mittelklampe oder am Bug (vorne). Die Leinenführer müssen die Festmacherleinen auf Poller an Steg oder Schleuse werfen oder an Personen an Land weitergeben. Was so einfach aussieht, hat die Crew mehr als einmal vor große Probleme gestellt: die Leinen machen, was sie wollen und so braucht es mehr als einen Anlauf, bis das störrische Seil richtig um den Poller liegt.

die „Dicke Berta“: So wurde liebevoll der große Kugelfender genannt. Der große blaue Luftballon hat die Aufgabe, das Schiff vor Schaden zu schützen und wird zwischen Schiff, Schleusenwand oder Steg gehoben und puffert den Aufprall ab.

Hier im Bild: der blaue Kugelfender „Dicke Berta“

Was in der Theorie noch recht einfach klang: Hinfahren, Leine werfen, Einlenken und Gas geben, war in der Praxis teils sehr knifflig. Heftiger Wind, in Böen bis 7 Beaufort macht Navigation und Leinenwurf teilweise zum Glücksspiel, aber mit jeder Wiederholung wurde die Crew sicherer und die Bewegungen zielgerichteter.

Montags ging es dann endlich durch die Schleuse raus ins Ijsselmeer um zum ersten Mal unter Segel zu fahren. Das „Genua“-Vorsegel zu setzen, der Umgang mit Winschen und Seilstoppern und auch das Setzen des Großsegels gestalteten sich noch ganz einfach und Wenden mit dem Schiff ging nach kurzer Zeit ganz flüssig von der Hand.

Ein überraschender Schauer mit Sturmböen setze dem gemütlichen Törn ein jähes Ende. Aus dem Fahren mit etwas Schräglage wurde, während Joe unter Deck mit der Schiffstoilette kämpfte, eine ernsthafte Gefahrensituation, da zuviel Segel im Wind war und das Schiff sich immer schwerer kontrollieren ließ.

Gerd hatte mittlerweile das Steuer wieder übernommen und Joe und einige andere hatten sich schon ihre PFD – personal floating devices – Rettungswesten angezogen und mit Lifelines angeklippt. Lifelines sind Rettungsleinen mit Karabinern, mit denen man sich in Notsituationen am Schiff festmachen kann, um nicht über Bord zu fallen.

Die Mannschaft begann sofort das Vorsegel einzuholen, was sich aber viel schwerer gestaltete, als in den Übungsstunden. Zum einen musste man gegen die starken Windböen ziehen, und zum anderen, wie wir später feststellten, hatte sich das Vorsegel in der am Mast befestigten Radarantenne verheddert.

Unter höchsten Anstrengungen, ein Mann am Mast, eine Person Mitschiff, und zwei achtern an der Einholleine des Vorsegels konnte das Vorsegel mithilfe einer Winsch (Zahnradwinde) schließlich eingeholt werden und es konnte mit dem Bergen (einholen) des Großsegels begonnen werden.

Das Unwetter hatte mittlerweile nachgelassen, und als Gerd den Motor starten wollte entfloh ihm ein leises „Scheiße“: der Motor machte zwar Startergeräusche, wollte aber nicht anspringen.
Da unser Boot ohne Motor nicht manövrierfähig war, mussten wir schnell das Großssegel wieder hissen, damit wir der überraschend schnell auf uns zukommende Hafenwand noch ausweichen konnten.
Gemeinsam setzten wir das Segel wieder und drehten ab, um dann langsam und kontrolliert im nahegelegenen Schilf zu parken.

Da es für die Crew, außer abzuwarten, jetzt nichts mehr zu tun gab, holte Joe die Angel raus, während Gerd mit der Akinom und Enjoy Sailing telefonierte um über die nächsten Schritte zu beraten.

Während die Akinom Leinen zusammenband, um die Kika aus ihrem Schlamassel zu ziehen, begutachteten wir den Motor und nach diverser Fehleranalyse, kam die Lösung per Telefon: vermutlich kein Sprit im Motor, drückt mal den Knopf… Und siehe da! Was unseren scharfen Augen entgangen war, war eine kleine, manuelle Benzinpumpe, mit der man den Motor wieder mit Sprit versorgen konnte und Ruckzuck lief der Motor wieder.

Zeig mal drauf: da ist die manuelle Benzinpumpe versteckt

Mit der wiedergewonnenen Manövrier- und Fahrfähigkeit ging es dann zurück nach Lemmer, diesmal durch die historische Stadtschleuse und durch die malerische Innenstadt.
Was während dem Wind und Regen der letzten Tage untergegangen war: Lemmer ist eine malerische Stadt und lässt sich am Besten vom Wasser auch bestaunen.

Zurück bei Enjoy Sailing wurde der Schaden begutachtet: das Genua-Segel war ziemlich in Mitleidenschaft gezogen worden und die Halterung der Radarantenne gebrochen. Beides nichts, was die Mechaniker vor Ort aus der Ruhe bringen würde. Innerhalb kürzester Zeit war beides demontiert, die Montage eines neuen Segels würde aber den nächsten Tag in Anspruch nehmen.

Und der nächste Tag war gleichzeitig auch schon der letzte des Skippertrainings und Ankunfttag der Absegel-Crews. Da die Kika zur Reparatur im Hafen blieb, ging es für die Crew auf die Akinom zu den Übungen.
Wieder am ersten Anleger wurden die Mannschaften geteilt: die eine Hälfte übte an Land Leinen werfen und die andere Hälfte Eindampfen in die „Vorderspring“, als das Einparken des Schiffs mit einer Leine am Vorderschiff.

Fleissig am Einparken üben

Nach geraumer Zeit wurde dann gewechselt und nachdem jeder einmal Einparken üben durfte, ging es zurück zu Enjoy Sailing.

Interludium: Shoppen in Sneek

Da der letzte Tag noch jung war, beschloss Joe noch ein paar Souvenirs einzukaufen. Da er bei einer Hausmesse einen leckeren Toffee-Likör getestet hatte, viel die Auswahl des Shopping Ortes auf das malerische „Sneek“, was nur 30 Minuten von Lemmer entfernt war.

Zusammen mit seinem Kojen-Kollegen Niklas ging es dann nach Sneek und nach kurzem Fußmarsch standen beiden in den Hallen der „Witwe Joustra“ , wo schon seit 1864 ein spezieller Kräuterlikör hergestellt wird.

Der Laden wirkt wie eine altertümliche Apotheke: wenn man eintritt, hat man linkerhand einen Tresen mit Kasse und dahinter ein Apothekerregal, dass bis unter die Decke nicht nur mit den hauseigenen „Beerenburg“ Kreationen, sondern auch leckeren Whiskys wie dem Bruchladdich „Laddie“ oder Port Charlotte gefüllt ist.

Nachdem Joe nach dem Toffeelikör gefragt hatte, wurden noch weitere Liköre feilgeboten, und weil sich von der Begutachtung der Flasche schlecht auf die Qualität des Inhalts schließen lässt, wurde flux nach einer Probe gefragt. „Geht einfach hoch“ waren die letzen Worte der netten Dame, bevor sie wieder im Büro verschwand.
Reichlich verwundert wandten sich Joe & Nik dem weiß getünchten Flur zu, in dessen Richtung sie gewiesen wurden. Nach ein paar Metern ging von dem Flur eine alte Holztreppe ins Dachgeschoss ab.
Eine Treppe wie zu einem alten Scheunenspeicher, und nach ein paar Schritten öffnete sich das Dachgeschoss: viel Holz, Kronleuchter und eine Tafel, an der man vernünftige Gelage feiern kann.

Auf dieser Holztafel standen mehrere Tabletts mit den Likören der Weduwe Joustra und genügend Schnapsgläser um sich durch das Sortiment zu testen.

Nach ausgiebiger Begutachtung, viel die Wahl auf den bereits bekannten Toffee Likör und den Spekulatius Likör, sowie zwei Flaschen Beerenburg mit Cola.

Mit einem großen Karton voller Köstlichkeiten ging es dann zurück nach Lemmer um den Tag bei einer gemeinsamen Paella mit den nun 9 Schiffcrews ausklingen zu lassen

Absegeln Tag 1: Lemmer nach Medemblik (36 Seemeilen [nm])

Aufgrund schlechter Wettervorhersagen, beschloss Dago, dass am ersten Tag anstelle der Tour nach Urk, nach Medemblik gesegelt werden sollte. Was sich dann abends, bei strömendem Regen, als die bessere Wahl herausstellen sollte.

Die Tour nach Medemblik war ereignislos und auch das Anlegen im Paket mit anderen Schiffen klappte hervorragend.

Am Abend stand das geplante „Running Dinner“ an: je zwei Schiffe bereiten ein Abendessen vor, die Kika war das kleinere Boot, und hatte sich dementsprechend um Vor- und Nachspeise zu kümmern, während die Africus, als Hauptspeise Gulasch kredenzte.

Mangels Platz im Schiffsbauch, blieben Nik & Joe, zusammen mit Frank von der Africus auf dem Achterdeck sitzen, während die restlichen Crewmitglieder im Bauch des Schiffs Platz fanden.

Neben leckerem Essen wurden interessante Geschichten ausgetauscht und trotz schlechtem Wetter, der Abend gemütlich ausklingen gelassen.

Der nächste Morgen brachte gutes Wetter und der Blick aus dem Schiff offenbarte einen wunderschönen Hafen.

Nachdem die Schiffe seeklar gemacht wurden, ging es dann auch schon los in Richtung Urk.

Tag 2: Medemblik nach Urk (36 nm)

Nach der Abfahrt in Medemblik gab es leckere Rombrödjes der Bäckerei „Bakkerij Raat“. Damit kann der Tag gut starten.

Der Tag war geprägt von einer schnellen Fahrt bis kurz vor Urk und dann dem Üben wichtiger Segelmanöver. Wer wollte, durfte Wenden und Halsen fahren und bei Rückenwind wurde „Butterfly“-Segeln geübt: dabei wird das Vorsegel nach backbord (links) gestellt und das Großsegel nach steuerbord (rechts) und es wird „vor“ dem Wind gesegelt, also mit dem Wind im Rücken. Das Schwierige hierbei ist, das Schiff genau vor dem Wind zu halten, damit die Segel nicht unkontrolliert „Schlagen“ (flattern) und damit Schiff und Seemannschaft gefährden.

Nach einem schwierigen Einparkmanöver konnten wir die abendliche Stimmung des Hafens Urk genießen. Es gab für alle Schiffe gebackene Scholle, die der Veranstalter vom nahegelegenen „Restaurant Baarssen“ bekam.

Die Backsession wurde jäh vom hiesigen Sicherheitsdienst unterbrochen, der unter Androhung von hohen Strafen eine Unterlassung forderte. Nach Telefonaten mit Hafenmeister, Bürgermeister und nicht zuletzt durch die Hilfe von Piet, dem Besitzer des Restaurant Baarssen konnte das Missverständnis aufgelöst werden und eine Lösung für die kommenden Jahre ausgemacht werden.

Auch tagsüber ist der Hafen der ehemaligen Inselstadt Urk schön anzusehen. Beeindruckend sind die Schiffe in der hiesigen Schiffwerft und das Restaurant Baarssen läd fußläufig zu einem Frühstück mit frischem Fischbrötchen ein.

Tag 3: Urk nach Hoorn (36 nm)

Weiter ging es mit zu einer der interessantesten Routen: von Urk über die Schleuse Lelystad ins Markermeer und dann nach Hoorn.

eine gemütliche Überfahrt, begleitet von den anderen Schiffen der „Absegel“-Crew

vorbei ging es an der Schleuse Lelystad und am „kackenden Mann“… was natürlich nicht der offizielle Name ist. „Exposure“ heißt die Statue und soll die Ästhetik eines sitzenden Mannes mit der der allgegenwärtigen Strommasten verbindet. Verschiedene Gesetzgebungen bezeichnen mit „Indecent Exposure“ das öffentliche Schaustellen nackter Körperteile, so dass sich der werte Leser seinen Teil denken kann.

Da für den Abend eine „Performance“ in der Schlagerkneipe „Eetcafe ‚t Schippershuis“ geplant war, übten wir fleissig unsere Karaokeversion von Mr. Hurley und die Pulveraffen – Ich bin ein Leuchtturm. Während es dem ein oder anderen irgendwann auf die Nerven ging, war die Übungssession dringend notwendig und sicherte uns am Abend den ersten Platz vor knallroten Gummibooten und dem vergessenen Farbfilm.

Feucht fröhlich ging der Abend dann zu Ende und zusammen mit den anderen Besuchern wurden dann deutsche und niederländische Schlagerhits in Tanz und Ton begleitet.

Tag 4: Hoorn nach Lemmer (51 nm)

So schnell geht der Urlaub zu Ende! An Tag 4 ging es schon wieder zurück nach Lemmer, wo es nach dem Abschlussabend dann ein letztes Mal in die Kojen ging.

Begleitet von der ein oder anderen Bavaria unseres Events, ging es kreuzend und tanzend über die Wellen. Wer wollte durfte ans Steuer um das Schmetterlingsfahren zu verbessern. Das Großsegel wurde mit einer Leine, dem „Bullenständer“, gesichert, damit es nicht zu einem Schlagen des Groß-Baumes (des Quermasts des Großsegels) kommen kann.

Nach einigen kleinen Schauern kam kurz vor dem Untergang die Sonne noch einmal heraus und lieferte uns bei knackigen 10 Grad wunderschöne Bilder.

Nach einem entspannten Anlegen am Eetcafe „De eerste aanleg“ in Lemmer gab es lecker Buffet und die letzten gemeinsamen Biere der Reise. Bis spät in die Nacht war von den Schiffen noch Musik zu vernehmen, bevor wir erschöpft, aber glücklich ein letztes mal in unsere Kojen krochen.

Tag 5: Abfahrt

Warum Joggen gehen, wenn man Paddeln kann?

Kurz nach dem Aufstehen konnten wir einen Local beim Stand-up Paddeln in den Lemmer‘ Kanälen beobachten. Während wir dort mit dicken Jacken standen, war der Kollege in kurzer Hose unterwegs. Beeindruckend!

Ein letztes Mal einparken & dann wurde das Schiff geputzt und geschrubbt, Wasser wurde aufgefüllt und die Kojen geräumt.

Viele Hände, schnelles Ende: um 12 Uhr waren wir soweit fertig, dass das Schiff übergeben werden konnte, und nach einer emotionalen Verabschiedung ging es dann wieder Richtung Heimat.

Fazit:

9 Tage, 159 Seemeilen, noch mehr Chaoten! So anstrengend das Leben auf 14 Metern Yacht mit vorher Fremden auch sein mag, am Ende ist man eine Crew und blickt mit Wehmut auf den Abschied. man feiert gemeinsam, man bangt gemeinsam beim Einparken oder Einfahren in die Schleuse und man freut sich auf nächstes Jahr.

Schön wars und sicher nicht das letzte Mal! Sollte sich ein inklusives Segelevent finden, wird sicher auch Martin mal mit von der Partie sein, diese Segeltour war aufgrund der Anforderungen leider nicht Rollatorfreundlich 🙁

Viele Grüße und bis bald

eure Chaoten

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